Neueste Kommentare

    Archive

    Kategorien

    • Keine Kategorien

    Meta

    der speicher (2022)

    Baumschutzfarbe, nachleuchtende Farbe


    Kunst im öffentlichen Raum / Public Art / Stadtgarten Konstanz (hinter dem Bootsverleih), Ab 4. Juni 2022

    Vernissage: 03.06.2022, Stadtgarten Konstanz

    Begrüßung und Einführung:

    Dr. Dolores Claros-Salinas

     

    Liebe Kunstfreundinnen und -freunde,

    ich freue mich, Sie zu den neuesten Arbeiten der Konstanzer Künstlerin Rebecca Koellner zu begrüßen.

    Wo sind wir hier? In einem öffentlichen Raum, dort das mächtige, historisch bedeutsame Konzilsgebäude, ein Kulturdenkmal. Hier der weite, immer lockende See, ein Stück schönster Natur – und wir unmittelbar am Seeufer mitten in der Natur?  Nicht ganz. Der Stadtgarten, in dem wir uns befinden, wurde dem See im 19. Jahrhundert abgerungen, ein aus den Trümmern der Stadtmauer künstlich aufgeschüttetes Gelände. Die Bäume wurden vor langer Zeit gepflanzt und seither gepflegt. Natur und Kultur treffen hier im engen Raum und in vielen möglichen Sichtachsen aufeinander – und damit auch auf das Interesse der Künstlerin, die in all ihren Arbeiten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur in den Blick nimmt.

    Die Kulturhaftigkeit der hier in einem Oval von Menschenhand angeordneten Bäume, etwa, verstärkt Rebecca Koellner, indem sie ihnen Zeichen einschreibt. Ihre Arbeit im öffentlichen Raum zieht Aufmerksamkeit auf sich und Fragen der Passant:innen wie „Dürfen Sie das?“ – ja, darf sie. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an das Kulturamt der Stadt Konstanz unter der Leitung von Sarah Müssig für eine erste Förderung des Projekts und für Genehmigungen an die Technischen Betriebe der Stadt, das Amt für Stadtplanung und Umwelt; für weitere Förderung besonderer Dank an die Stiftung Jasema, Kreuzlingen, die Stiftung Kulturlabor, Sulz am Neckar, und die Landesbank Baden-Württemberg; für Auskünfte herzlichen Dank an Prof. Jürgen Klöckler und Herrn Matthias Märkle, Stadtarchiv Konstanz, Prof. Ralph Röber, Archäologisches Landesmuseum, und Dr. Lisa Foege und Rosa Pittà-Settelmeyer, Rosgarten-Museum.

    Oder Fragen wie „Schadet das den Bäumen nicht?“. Nein, tut es nicht. Die weiße Grundfarbe (Arbo-Flex) ist eine umweltfreundliche Paste, die Bäume gegen Frost im Winter und Verdunstung im Sommer schützt. Die anschließend aufgetragene grün-gelbe Farbe ist ebenfalls ökologisch einwandfrei und leuchtet in der Dunkelheit nach, sobald Licht auf sie fällt.

    Begonnen hat Rebecca Koellner ihre künstlerische Baumarbeit schon vor einigen Jahren, 2014 in der Seestraße. Die Zeichen, die sie den Bäumen einschrieb, waren Texte, zunächst kurze Montaigne-Zitate und dann, ein großer, mutiger Schritt für die bildende Künstlerin, Absolventin der Kunsthochschulen Saarbrücken und Kassel, eigene, knappe, lyrische Texte.

    Auch in ihrer neuesten Arbeit hier finden sich sechs Bäume mit ihren sehr persönlichen Texten, entstanden in den letzten Monaten, unter dem Eindruck bedrohlicher Weltlagen, einer so lang anhaltenden Pandemie, eines plötzlichen Kriegsausbruchs mitten in Europa. Die Fragen, die sie sich dabei stellte, seien Fragen gewesen wie: Woraus schöpfen wir Kraft? Wem oder was können wir vertrauen? Wie kann uns unsere kollektive und persönliche Geschichte dabei unterstützen, die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft zu bewältigen, möglichst gut?

    Wie immer bei ihren Baumbeschriftungen richtet sich Rebecca Koellner nach dem Baumstamm, nicht nach uns, den Betrachter:innen: die Texte werden vertikal, von unten nach oben laufend, in Wuchsrichtung aufgetragen, wer sie lesen will, muss sich krümmen und je nach Länge des Textes der Rundung des Stammes folgen.

    Aufmerksamen Leser:innen werden dabei auch Eigenwilligkeiten in Orthografie und Zeichensetzung auffallen: zum einen die konsequente Kleinschreibung, mit der Koellner jedem Wort den gleichen Wert verleihen möchte. Zum andern die nicht regelkonforme Zeichensetzung, die jedem Text eine eigene Struktur gibt, einen Rhythmus, wie er für die Künstlerin richtig klingt. Darüber hinaus sind die sprachbegleitenden Zeichen, die Punkte und Striche, hier auch als sparsame, maximal verknappte Zeichnungselemente zu verstehen, wie eine Vorstufe zu bildhafter Gestaltung.

    Die weitere Entwicklung, das Ausgesetzt-Sein ihrer Texte auf einer Baumrinde, die sich verändert, sei es durch die pflanzliche Erneuerung, das Sich-Lösen einzelner Teile, sei durch den Einfluss von Regen, Sturm oder Frost, überlässt die Künstlerin der Natur. Prozesse einer allmählichen Verwitterung, die Koellners Texte in nicht vorherzusehende Fragmente neu ordnen, sind in der Seestraße bereits zu beobachten.

    Fast zeitgleich zeigt die Künstlerin textinstallative Baumarbeiten in der Landesgartenschau in Eppingen, auf Einladung des Künstlers Peter Riek, der die künstlerische Gesamtkonzeption verantwortet. Rebecca Koellner ist eine von neun ausgewählten Künstler:innen und die einzige Frau.

    Ihre neueste Arbeit hier hat die Künstlerin als der speicher benannt.

    Die Texte in ihrer lyrischen Form speichern und bewahren ihre persönlichen Eindrücke und Gefühle – eine Spur innerhalb ihres emotionalen Langzeitgedächtnisses, eines Erinnerungsspeichers, aus dem Erlebtes immer wieder abgerufen und, bezogen auf Gegenwärtiges, Verarbeitungsprozesse steuern oder erleichtern, zu neuen Fragen anregen und zukünftiges Verhalten mitbestimmen kann, das Bewältigen und Entgegensetzen.

    Ein Speicher ist aber zuallererst ein Ort, der zur Lagerung von Vorräten oder Waren dient – als ein solches Warenhaus wurde das heutige Konzilsgebäude schon ab 1388 eingerichtet, unmittelbar am See für Lastschiffe günstig erreichbar. Rund 500 Jahre lang wurden dort Handelswaren gelagert, deren Verkauf und Vertrieb  Lebensunterhalt und Wohlergehen vieler Konstanzer Bürger:innen sicherten. Das Konzil speicherte Lebensmittel wie Getreide, Salz, Fische, Gewürze und Wein, aber auch kostbare Waren wie Leinwandstoff, die berühmte tela di Constanza,  die auf alpinen Handelswegen bis nach Italien transportiert wurde.

    Um diese Speicherfunktion, die besondere Kraft des Bewahrens lebenswichtiger Dinge, hier in Sichtweite des Konzils, anschaulich zu machen, hat Rebecca Koellner ihr Zeichenrepertoire erweitert: sie gestaltet klare, reduzierte Formen für Fisch, Getreide, Salz und Leinwand und überträgt sie auf sechs weitere Baumstämme. Dabei arbeitet sie, wie schon bei den lyrischen Texten, mit Schablonen, die nach ihrem Entwurf manuell gefertigt werden.

    Für die Verbildlichung der Ware Fisch, hier an einer seenahen Platane, hat Koellner den einheimischen Kretzer oder Egli gewählt, aber auch den Hecht als einer im Mittelalter besonders gängigen Art und den Bodensee-Felchen, schon im 15. Jahrhundert als Handelsware bis in den Südtiroler Raum belegt.

    Die rohe, ungebleichte Konstanzer Leinwand, tela di Constanza, zeigt die Künstlerin in ihrer Gewebestruktur aus vertikalen und horizontalen Linien.

    Die Ware Getreide, deren Handelsmöglichkeit in unserer bedrückenden Gegenwart plötzlich zum politischen Faustpfand gerät,  findet sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen: als Weizenähre oder Haferrispe.

    Wie aber lässt sich Salz, ein körniges, weißes Geriesel, auf dem gewählten Bildträger, der unebenen, durch natürliche Farbschattierungen ungleichmäßigen Rinde eines Platanenstammes darstellen? Wie wurde Salz denn historisch gespeichert? Rebecca Koellner hat recherchiert und ist auf die Salzscheibe gestoßen. Dazu wurde Salz in Körbe oder aus Holz gefertigte Gefäße gepresst, durch Verdunstung verdichtet und scheibenartig abgerakelt. Entstanden sind hier geometrische, strenge Formen – der gefüllte Kreis, die Scheibe mit einem inneren Kreis – in dieser räumlichen Nähe zur Hafeneinfahrt auch zu deuten als rästelhafte Seezeichen, im Dunkeln durch die lichtspeichernde Farbe nachleuchtend.

    Die Bäume, die Koellner bildhaft gestaltet, ohne Text, versieht sie mit einem kleinen Sockel, wellenartige Strukturen, die den Stamm ein wenig ins Schweben bringen – umso mehr, wenn nächtliches Dunkel und Signalfarbe zusammenspielen.

    Alle Zeichen in ihrer zurückhaltenden Farbigkeit und reduzierten Form, die Rebecca Koellner den Bäumen einschreibt,  vereinnahmen den Ort, diesen öffentlichen Raum, nicht. Die Zeichen, sprachlich oder bildhaft,  lassen sich vielmehr von Baum zu Baum entdecken, bringen uns assoziativ Natur- und Kulturgeschichtliches dieses Ortes nahe.

    Wie gegenwärtig aber die Lyrik Rebecca Koellners wirken kann, lässt sich aus folgendem Baumtext hören:

    ich versuche nach ihr zu greifen

    doch wie ein fisch

    rutscht sie mir aus der hand

    sie versteckt sich vor mir

    ist irgendwo

    ich lass sie sein.

    die sicherheit


    Gefördert von Kulturamt Stadt Konstanz, LBBW/ Stiftung-Jasema, Kreuzlingen/ Stiftung Kulturlabor, Sulz am Neckar

    Fotos: Claudia Zimmer, CH-Wetzikon


    Die ersten lyrischen Texte entstanden 2015. 2016 setzte Rebecca Koellner mit „Jil“ die erste Serie an lyrischen Texten im öffentlichen Raum in der Seestraße, Konstanz, um. Die Serie „tag und nacht“ entstand 2021 und befindet sich ebenfalls in der Seestraße.

    Share Project :

    • Categories:
    • Share Project :